Philharmonischer Chor Kiel

Kieler Neueste Nachrichten, 08.04.1928

Karwochen-Klänge.

Bach-Kantaten. — Mozarts Totenmesse.

Konzert des Oratorienvereins.

Am Gründonnerstag erklangen in der St.-Nikolaikirche drei Werke, von denen zwei, die Bach-Kantate „Wer weiß, wie na­he mir mein Ende“ und die Totenmesse Mozarts, dem Todesgedanken des Karfreitags geweiht waren. Es liegt in der christ­lichen Auffassung, nicht „als solche zu trauern, die keine Hoff­nung haben“. Darum konnte auch Bachs Kantate „Schmücke dich, o liebe Seele“ erklingen als Vorahnung für Ostern, wo „des Lebens Sonne, Licht der Sinnen“ ersteht.

Diese Kantate gilt dem zwanzigsten Sonntag nach Trinitatis, gilt der Verehrung des Abendmahles. Die Kantate geht zwar vom Text aus, fühlt sich aber musikalisch nicht an ihn gefesselt. Hingegeben der Stimmung, zu Zeiten sich dem Worte vermählend, beginnt sie ein eigenes Musizieren, das frei waltend dahinflutet. Das Vorspiel zur Kantate „Schmücke dich, o liebe Seele“ ist von einem mystischen Helldunkel erfüllt. Der folgende Chor nimmt in seiner Satzform dieses Versenktsein auf. Wenn hernach der Tenor sein frohes Lied anstimmt — man nennt es „Tenorarie“, aber seinem inneren Wesen nach er­scheint dieser Gesang liedhaft als freudiges Schmuckstück seeli­schen Empfindens —, umspielt die Flöte den Sang, sie tut es in rhythmisch charakteristischen Wendungen, die sich durch den C-Dur-Dreiklang bewegen. So froh klingt alles und so melodiebeglückt, daß man sich des Wortes erinnert: Die Menschen bringt der Storch; ein ganzes Schock Nachtigallen aber hat den Johann Sebastian gebracht. „Der“ Bach-Choral beschließt das Ganze, der Einzige zu spenden weiß.

Die andere Kantate „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“ packt schon durch die mit Rezitativen durchsetzte Choralbehandlung. Der Chor singt die Worte „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende“ choralmäßig, aber in Form einer Frage. Die Solostimme antwortet: „Das weiß der liebe Gott allein ...“ Bach wird erkannt haben, daß seine Kantatentexte dichterisch nicht eben hoch stehen. Eine Vertiefung der Form wird ihm erwünscht gewesen sein. So ent­standen einige Kantaten mit in den Choral eingestreuten betrachten­den Rezitativen. Es ist ergreifend, wenn solcher Art die Menge und der einzelne Sprecher ihre Gedanken austauschen, die bei dem Zuhörer in eins zusammenfließen. Dazu klopft das Zeitpendel der Bässe im gleichmäßigen Schwanken der Viertel die dahinfließenden Sekunden: „Hin geht die Zeit“. Auch hier ein Beispiel, wie Bachs Musik rein ideenhaft wird auf dem Grunde des Textwortes. Aehnliches erlebt man bei dem weit gesponnenen Melos zu der kurzen Sentenz „Drum bet' ich alle Zeit“. Anschaulich wirkt die Tumultmusik in ihrem Gegen­satz zum „Gute Nacht“. Das ergibt spezifisch künstlerische Wir­kungen, die nicht dem Worte aufgepfropft werden, sondern dem Tondichter Bach erwachsen aus innerem Erleben. Ein Choral beschließt das Ganze, wiederum nach Wesen und Form „der“ Bach-Choral.

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Den anderen Teil des Konzerts füllte Mozarts Requiem. Im Jahre seines Todes hat er das Werk geschrieben, auf Bestellung eines Fremden ein Werk, das zur eigenen Totenmesse wurde, das er nicht mehr ganz beenden konnte, weil der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm. Es war das Jahr 1791. Mozart war ein gebrochener Mann. Fünfunddreißig Jahre waren für ihn erst verstrichen, als ihm die von Sorgen, Mangel und Not verdüsterte Stunde schlug als Ende eines Lebens, das mit prächtigen Ausblicken begonnen hatte.

Uebersieht man die einzelnen Teile dieses Requiems, dann ist es, als hätte Mozart sich mit den Problemen des eigenen Lebens zuguter­letzt auseinandergesetzt: war das ihm beschiedene Dasein gnaden­reich? War es armselig? War er selber ein schwärmerischer Pilger? Ein ewiges Kind, mit dem Wenigen zufrieden? Nun galt es, heiteren Sin­nes zu erfüllen, was die Vorsehung vorgeschrieben. Auf seinem Ster­bebette im Kreise der Getreuen erklangen Teile des Requiems. So ist er gestorben in der Kraft seines eigenen Wesens. Man hat ihn begra­ben, irgendwo. Die Stätte auf dem Friedhofe ist verschollen. Aber das Werk Mozarts lebt, sein Lebenswerk mit dem Requiem als Ausklang.

In der Tiefe seines Gemütes war Mozart der Frömmsten einer. Sein Gott war die Schönheit und Größe der Welt. Das klingt durch den Abgesang seines Lebens, durch sein Requiem. Wenn die Posaune des jüngsten Gerichts erklingt, dann verkündet sie nicht Schrecken und Grauen, sondern Milde und Verklärung. Inniger ward kein Vorspiel geschrieben als die Bitte im „Recordare“: „Gedenke, treuer Jesu, daß du einst für mich gelitten.“ — Das ist Karfreitagszauber. — Menschen­stimmen und der Gesang der Instrumente wetteifern miteinander in Schönheit des Klanges, in der Kraft des Ausdrucks.

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Die Aufführung unter Leitung von Professor Stein nahm insge­samt durchaus würdigen Verlauf, doch darf nicht unerwähnt bleiben, daß in Teilen der zweiten Bach-Kantate und in dem Requiem sich manche Lockerung des rhythmischen Erraffens geltend machte. Dem steht angenehm die Gesamtwirkung gegenüber: der durchweg gute Chorklang in der Ausgeglichenheit der Stimmengruppen unter- und gegeneinander, die weiche Tongebung des Orchesters, Annemarie Sottmann gab in den Kantaten und im Requiem ihrem gesund klingenden Sopran Wärme des Vortrags, Gustel Hammer ihrem Alt sonoren Klang. Dr. Hoffmann wurde seiner Tenorpartie gerecht und behandelte besonders die Kantaten-Arie „Ermuntere dich“ technisch geschickt. Reinhold Gerhardt (Leipzig) verfügt über einen Baß, der nicht frei ist von einer Enge der Tongebung und von überlasteter Vokalbehandlung. Doch wußte er sich in seine Aufgabe zu versenken und behandelte, wie die anderen Solisten, die Koloratur klar zisilierend. Um die Ausführung der instru­mentalen Soli machten sich Kammermusiker Kraft (Flöte), Konzert­meister de Jager (Cello) und Kammermusiker Wolter (englisch Horn) verdient. Organist Dr. Deffner behandelte seinen Orgelpart in geschmackvoller Registrierung. S—g.

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